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Was ist das  WAHRE SELBST, die Wesens-Natur oder Buddha-Natur?

Von Yamada Koun Roshi, Zenmeister der Sanbo Kyodan Schule, Japan, aus dem Buch Mumonkan – die torlose Schranke, Kösel Verlag (vergriffen), Seite 48 f.
"Jedes Ding hat zwei Seiten, eine Erscheinungsseite (phänomenal) und eine Wesensseite (essential), die Wesensnatur. Was ist diese Wesensnatur? Wer hat sie? Wem gleicht sie?

Alles, was existiert, hat seine Wesensnatur - jede Person, jedes Ding, das ganze Universum. Es gibt keinen Unterschied zwischen der Wesensnatur der Menschen einerseits und der Wesensnatur der Dinge und des Universums andererseits. Alles ist das gleiche. Wenn ihr durch Erleuchtung zur Verwirklichung des wahren Selbst gelangt, werdet ihr erkennen, daß das wahr ist. In der Wesensnatur gibt es keine dualistischen Gegensätze wie Subjekt und Objekt, gut und schlecht, Buddha und gewöhnlicher Mensch, Erleuchtung und Illusion. Die Wesensnatur hat weder Form noch Farbe, noch Gewicht, noch Größe, noch Raum, keine Konzepte, auch keine Flecken oder Fehler, die ihr anhingen. Sie ist vollkommen rein.
Die Wesensnatur kann nicht zerstört werden, auch nicht durch karmisches Feuer (Weltuntergang). Sollte das ganze Universum vollständig zerstört werden, die Wesensnatur würde weiterbestehen, denn sie ist leer. Sie hat keine Substanz. Sie kann nicht mit den Augen gesehen, mit den Ohren gehört oder mit den Händen berührt werden. Niemand kann den Ort, wo sie ist, identifizieren. 
Besinnt euch mal für einen Augenblick auf euren eigenen Geist, welcher dasselbe ist wie euer Bewusstsein. Ihr könnt nicht sagen, wo euer Geist ist. Einige Leute zeigen auf ihren Kopf, aber da ist ihr Gehirn. Das ist nicht der Geist. In Wirklichkeit weiß niemand, wo sich der Geist befindet, aber wir kennen seine Funktionen. Er sieht, er geht, er denkt. Dieser Geist bzw. das Bewusstsein unseres Alltagslebens ist das Eingangstor zum Wesen des unendlich weiten, grenzenlosen Universums.
Unsere Wesensnatur können wir nicht lokalisieren, weil sie null ist, aber sie hat unendliche Fähigkeiten. Sie kann mit Augen sehen, mit Beinen gehen, mit einem Gehirn denken und Nahrung verdauen mit einem Magen. Sie weint, wenn sie traurig ist, und lacht, wenn sie glücklich ist.
Auch wenn sie null ist, kann niemand ihre Existenz verneinen. Sie ist eins mit den Phänomenen der Erscheinungswelt. Die Wesensnatur und die Erscheinungen sind von allem Anfang an eins. Darum kann das »Hannya Shingyo« sagen: »Form ist nichts als Leere, Leere ist nichts als Form.«
Aber unsere Wesensnatur ist nicht ein Gedanke oder ein philosophisches Konzept. Mit unseren leiblichen Sinnen kann sie nicht begriffen werden, dennoch ist sie eine wirkliche Realität. Nur durch unmittelbare Erfahrung kann man sie wirklich verstehen. Diese Erfahrung ist Kensho bzw. Satori, die Erleuchtungserfahrung des Zen.
Wie schon gesagt, ist unser Bewusstsein das Eingangstor zu unserer Wesensnatur. In ihre unbegrenzte Welt können wir mit Hilfe innerer Konzentration eintreten. Wenn du mit deiner Hand deinen Bart berührst, hat dein Geist einen Bart? Der Geist ist der Handelnde, der die Bewegung deiner Hand kontrolliert. Deine Hand kannst du sehen. Deinen Bart kannst du berühren. Du kannst alles erkennen, was zu dir gehört: deine Finger, deinen Kopf usw. Aber wo ist dieses Du, du selbst? Nicht das besitzanzeigende oder Genitiv-Du, sondern das Du im Nominativ. Du selbst bist nichts anderes als dein Geist, und dein Geist hat keinen Bart!
Was Wakuan uns wirklich im Koan Nummer 4 sagen will, ist also: »Bodhidharmas Wesensnatur hat keinen Bart.«
Ihr müsst dahin kommen, dies durch Erfahrung zu wissen. Jeder Mensch weiß etwas über die Erscheinungswelt, aber nur wenige echt erleuchtete Menschen wissen etwas über die Wesensnatur des Universums. Zen betrachtet die Wirklichkeit immer von diesem Blickwinkel aus, d.h. vom Standpunkt der Wesensnatur.

zu "Krise und Wirklichkeit"

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