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Gestalttherapie Einführung und Beispiel

(Auszug aus dem Buch Reinhold Pertler "Transpersonale Selbsterfahrung" (vergriffen - wird überarbeitet und neu aufgelegt)

Lerne, dich in andere Körper einfühlen, um zu erfahren, daß wir alle eins sind. (SWAMI VIVEKANANDA)

Die Gestalttherapie wurde von Frederick "Fritz" S. Perls (1893 - 1970) entwickelt in Abgrenzung zur Therapie-Methode der Psychoanalyse, die sich meist nur auf der intellektuellen Ebene bewegt. In der Gestalttherapie wird der ganze Mensch angesprochen und die tiefinnere Heilkraft des ICH, die "von selbst" wirkt, wenn wir sie nur nicht stören.

Gestalttherapie ist eine Erlebnis- und Bewusstseins-Therapie, die sowohl vom Klienten als auch vom Therapeuten "Gewahrsein im Hier-und-Jetzt" verlangt. Dabei entsteht ein Therapie-Prozess ohne vorgezeichnete Abläufe und ohne vorformulierte "Umlern-Programme", wie man sie in der lerntheoretisch aufgebauten Verhaltens-Therapie kennt.
Ein Problem wird dabei nicht durch intellektuelle Analyse gelöst, sondern dadurch, daß es zunächst lebendig gemacht, inszeniert und experimentell dargestellt wird. Dabei werden häufig Rollenspiele mit Dialog benutzt sowie weitere zahlreiche spontane Übungen und Experimente, die immer wieder neu "passend" gefunden werden müssen.
Das verlangt Kreativität und Einfühlungsvermögen vom Therapeuten und ein aufmerksames und bewußtes Mitgehen vom Klienten, wobei dessen Versuche, über die Probleme nur "zu reden", vom Therapeuten gezielt verhindert werden.
So entsteht ein fortlaufender, intuitiv gelenkter Prozess, bei dem der nächste Schritt jeweils offen ist. Der Therapeut muß "spüren" können, wohin sich der Prozess als nächstes neigen will und den Klienten so behutsam dorthin führen, daß dieser selbst entdecken kann, daß die Hilfe und die Lösung seines Problems in ihm ist und sich von selbst zeigt, wenn er den Mut aufbringt, im Hier-und-Jetzt mit sich und seinen Gefühlen und Empfindungen in Kontakt zu kommen.
Jede gestalttherapeutische Sitzung ist also im Grunde anders und einmalig, das Gleichbleibende ist immer nur, daß der Therapeut gemeinsam mit dem Klienten versucht, zu einer "guten GESTALT" zu finden.
Dabei wird durchaus auch verbal gearbeitet: Das Spüren, das Fühlen wird in ein treffendes Wort, einen Satz gekleidet, man versucht eine "Schlagzeile" aus einem Thema zu machen, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Dieses Finden der treffenden Formulierung wirkt schon lösend und integrierend.

Beispiel einer Gestalttherapie:

Ein Klient arbeitet negative Erfahrungen mit Kontakten zu charismatischen, fundamentalistischen Sekten durch, die zum Teil heftigen körperlichen Abwehr-Reaktionen sind zunächst unspezifisch. Der Therapeut lässt nun ein Wort finden, daß alle diese Reaktionen zusammenfasst. Nach kurzer Zeit findet der Klient "körperbesessen", daraufhin lassen die Spannungen nach, die Einordnung ist gefunden.
Ziel der Gestalt-Therapie ist die Stärkung der Selbsthilfefähigkeit des Klienten. Die Arbeit mit einem Therapeuten soll den Klienten also immer mehr befähigen, unabhängiger zu werden und sich mehr und mehr auf den eigenen Prozess des Gewahrseins zu verlassen.
Aus Angst und "Arbeitsscheu" vermeiden wir aber oft, die "Löcher in unserer Persönlichkeit" wahrzunehmen, wir verdrängen und verhindern dadurch den in den Pfeilen dargestellten natürlichen Heilungsimpuls, der bewußt machen, auflösen, ganz und heil machen, sich genauso "von selbst" vollziehen will wie die körperliche Wundheilung. Körperliche Wundheilung kann man nicht verhindern, die seelische Selbstheilung aber kann durch Verdrängung blockiert werden.
So können die unverarbeiteten Erlebnisse in uns neurotische und psychosomatische Symptome produzieren, die in vielen Fällen unverständlich und unerklärlich sind.

Ein Beispiel dazu von Fritz PERLS:

"Es gab da einmal ein Mädchen, eine Frau, die vor nicht allzu langer Zeit ihr Kind verloren hatte, und sie konnte nicht recht mit der Welt in Kontakt kommen. Wir arbeiteten ein bißchen, und wir fanden heraus, daß sie sich am Sarg festhielt. Sie erkannte, daß sie diesen Sarg nicht loslassen wollte. Versteht ihr nun? Solange sie nicht willens ist, sich diesem Loch, dieser Leere, diesem Nichts zu stellen, kann sie gar nicht zum Leben, zu den anderen zurückkommen. Es ist soviel Liebe in diesem Sarg gebunden, daß sie gern ihr Leben in diese Phantasie investiert, eine Art Kind zu haben, selbst wenn es ein totes Kind ist. Wenn sie ihrem Nichts gegenüberstehen und ihre Trauer erleben kann, kann sie ins Leben zurückkommen und mit der Welt wieder in Kontakt kommen.  ....
Wenn wir dieses Nichts, diese Leere, annehmen und da hineingehen , dann fängt die Wüste zu blühen an. Das leere Loch wird lebendig und füllt sich an. Die unfruchtbare Leere wird zur fruchtbaren Leere."

(aus GESTALTTHERAPIE IN AKTION, KLETT-COTTA-Verlag, S. 64 f.)

Der Therapie-Prozess in der Gestalttherapie

Ein wichtiger Schritt in der Therapie ist nun, genau das zu tun, was ich unter normalen Umständen vermeide, nämlich in das Symptom, den greifbaren Ausdruck des verdrängten Geschehens hineinzugehen.
Die Frage ist dabei nicht, "warum habe ich dieses Problem, dieses Symptom?", sondern: Wie komme ich im Hier-und-Jetzt in direkten, lebendigen Kontakt mit den Menschen, Dingen, Vorstellungen und Trauminhalten, die zu meinem Problem gehören?
In diesem Sinn gibt es für die GESTALT-THERAPIE kein Unbewusstes: Alles ist da, an der Oberfläche, ich muß nur dessen gewahr werden.
Auch Vergangenes und Zukünftiges existiert nur im Kopf. Wenn ich damit Probleme habe, muß ich es GEGENWÄRTIG setzen, spielen, inszenieren, realisieren:
Was erlebe ich JETZT, was fühle ich JETZT, was denke ich JETZT, was tue ich JETZT, was will ich JETZT? Und zwar in einer Ich-Du-Beziehung, entweder in einer äußeren Ich-Du-Beziehung oder in einer phantasierten Ich-Du-Beziehung.
Das Vorgehen der Gestalt-Therapie lässt sich so auf folgende Formel reduzieren:
ICH und DU, im HIER-UND-JETZT! WAS und WIE, WOZU?
Wer schon einmal selbst versucht hat, in dieser Weise im Kontinuum des Gewahrseins zu bleiben, weiß, daß das nicht ganz einfach ist. Man ertappt sich ständig dabei, auszuweichen, zu fliehen, zu rationalisieren.
Es braucht daher, besonders am Anfang des Gestalt-Weges, eine therapeutische Führung, um wirklich "dranbleiben" zu können und Wandlungen zu erfahren. Man erlebt dann: Wenn ich das Wie eines Symptoms, wie ich feststecke, SEHE und ERFAHRE, dann öffnet sich auch von selbst ein Weg zur LÖSUNG. Dabei ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wie sich der Heilungsprozeß selbst organisiert, und zwar nach dem Prinzip von FIGUR und HINTERGRUND: das Gefühl, die Empfindung oder das innere Bild, das als nächstes wichtig wird, taucht von selbst auf, wird FIGUR (VORDERGRUND), wenn ich ganz bewußt bleibe und diesen Prozeß nicht störe. Ist ein Teil-Problem gelöst, der Schritt vollzogen, taucht ganz von selbst das nächste Erfahrungs-Element auf, mit dem ich in Kontakt kommen soll.
Der Therapeut steuert diesen Prozeß, möglichst ohne ihn in seiner Autonomie zu stören. Dazu gibt er Anweisungen zum Dialog, legt dem Klienten Sätze in den Mund, die dieser "testen" soll, macht auf widersprüchliche Aussagen in der Körpersprache aufmerksam, spielt unter Umständen selbst eine Rolle in einem inszenierten therapeutischen Drama. Auf solche Weise wird nicht nur ein Symptom therapiert, sondern durch die zunehmende Bewußtwerdung ein echter REIFUNGS-PROZESS eingeleitet.
Solange wir noch Problem-Kontakt vermeiden, bleiben wir hilflos und in der Kindrolle, erwarten unbewußt in unserer Phantasie, daß uns Elternfiguren aus unserem Dilemma herausholen, warten auf "FREMD-UNTERSTÜTZUNG".
Reifung besteht darin, daß wir uns von dieser Erwartung einer Fremdunterstützung (die vom Leben meist frustriert wird) hinentwickeln zur SELBST-UNTERSTÜTZUNG, daß man lernt, immer mehr auf die Kraft der eigenen Tiefe zu vertrauen und immer mehr schöpferisches Potential bei sich zu entdecken.
Der Therapie-Prozeß der GESTALT-THERAPIE ist also kreativ und muß jedesmal neu gestaltet werden. Dennoch kann man PHASEN im GESTALT-PROZESS
unterscheiden, die zu einem Durchbruch führen:
Die Klischee-Phase: Oberflächenreaktionen, etwa "Hallo - wie geht's?" und ähnliches.
Rollenspiel-Ebene: Typische eingefahrene Verhaltensmuster als Elternteil, Chef, Hausfrau, Schüler usw..
Konflikt-Ebene: Hier werden die Widersprüche sichtbar zwischen dem, was jemand sagt und dem, was er tut oder sonst in seiner Körpersprache ausdrückt. An diesem Punkt greift die therapeutische Führung ein, macht das gespaltene Verhalten bewußt und konfrontiert. Dadurch entsteht ein innerer, dynamischer Prozeß, der in den Kern des Problems hineinführt. Das wird zunächst erlebt als Leere, Sackgasse, Blockierung: Man erlebt die Ausweglosigkeit, das Unlösbare eines Konflikts, "Totenstille", ein "Eingefrorensein" aller Energien, begleitet von dem Gefühl der Furcht, diese Leere auszuhalten und weiterzugehen.
Hier wird die Stützung durch den Therapeuten entscheidend wichtig. Kann die Leere nämlich lange genug ausgehalten werden, kommt es plötzlich zu einem Durchbruch, einer Explosion, bei der die gebundenen Energien ihr eigentliches Wesen offenbaren und verfügbar werden.
Nicht ausgedrückte Gefühle und Bedürfnisse der Vergangenheit wie Haß, Wut, Trauer, Verzweiflung, Protest, Sehnsucht, Freude, Liebe, Vergebung können ungeschminkt ins Bewußtsein treten, verbunden oft mit dem Auftauchen lange unterdrückter Kindheitserinnerungen. Ist z.B. ein lange verdrängter Haß auf einen Elternteil in dieser Weise bewußt gemacht und aufgelöst worden, ist der Weg frei, die Erlebnisse von damals in einem anderen und versöhnlicheren Licht zu sehen.

Ein Gestalttherapie-Beispiel:

Im Rahmen einer Gestalt-Gruppe entschließt sich eine Frau, an ihrer Vater-Beziehung zu arbeiten. Im Gestalt-Dialog spricht sie mit ihrem Vater, den sie sich auf einem Kissen gegenüber sitzend vorstellt.
Nach einigen Sätzen fällt auf, daß die Arme und Hände zittern, daß immer mehr Energie dort hineinfließt. Ich gebe die Anweisung, das noch zu verstärken und zu übertreiben: "Was immer du tun willst, tu es diesem Kissen an."
Die Klientin preßt das Kissen und drückt es immer mehr nach unten, bis der Prozeß stockt, es geht nicht vorwärts und nicht rückwärts.
Ich versuche, das Offensichtliche zu formulieren, den nächsten Schritt zu spüren und bringe den Satz: "Ich bring dich unter die Erde". In dem Moment bricht der lange verdrängte Todeswunsch dieser Frau ihrem Vater gegenüber durch und äußert sich in massiven Reaktionen.
Danach: Erschöpfung, Stille, Ruhebedürfnis. Als sich die Klientin hinlegt, um auszuruhen, kommt unter starkem Weinen der Gegenpol des Hasses ins Bewußtsein: Sie sieht ihren Vater plötzlich anders, kann ihn in seiner Bedingtheit klarer wahrnehmen, spürt, daß sie tiefe Liebe für ihn empfindet.

 

 

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